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Man kann der Rezension von Helmut Walther (Erster Vorsitzender der GKP) bei Amazon nur zustimmen:
Michael Schmidt-Salomon zu diesem Buch:
Wie es scheint, wird es auch eines meiner Lieblingsbücher werden, denn hier findet eine außerordentlich gründliche Destruktion der herkömmlichen Argumente für das Zusammenbestehen von Gottes Güte und dem Übel der Welt statt. Wer nach der Lektüre dieses Buches immer noch an einen gütigen Gott glauben will, dem ist nicht weiter beizukommen... Zur Einstimmung auf dieses Buch empfehle ich folgenden Artikel: Gerhard Streminger, Von der Güte Gottes und die Leiden der Welt. Ein Üblick über das Theodizeeproblem
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Die real existiertende Kirche ist also nicht etwa die Pervertierung einer im Grunde guten Sache, sondern die konsequente Entfaltung ihres zugrundeliegenden ideologischen Systems.
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Ob als Katholizismus oder als Protestantismus - alle schwören auf das "Offenbarungsmodell der Erkenntnis", hier: auf göttliche Stiftung, auf Irrtumslosigkeit unter der Führung des Heiligen Geistes. Und wenn sich zwei oder drei in seinem Namen organisieren, entstehen zwangsläufig autoritär-dogmatische Strukturen. Das jedoch ist mit Wissenschaft, Vernunft, Toleranz, Gleichberechtigung und Demokratie prinzipiell unvereinbar. Eventuelle Ausnahmen sind nur das Produkt zeitgeistbedingter Inkonsequenzen der Glaubensanwendung.
"Moderne" Christen wollen das alles nicht hören, verdrängen es in der Schublade "Amtskirche", mit der sie angeblich nichts am Hut haben. Inzwischen zahlen sie weiter, schleppen ihre Kinder zur (amtskirchlichen) Taufe, engagieren sich in den Gemeinden mit dem Schlachtruf "Wir sind auch Kirche!", monopolisieren soziale Themen, als hätte sie die Menschlichkeit erfunden, hängen ihre Christlichkeit noch weiter heraus als ihre "konservativen" Mitstreiter, wähnen sich Jesus näher als der Papst - und lassen bei alledem die Kirche hübsch im Dorf.
So trägt die Masse der "Progressiven" mehr zum Erhalt der sogenannten Amtskirche bei, als diese selbst es je könnte.
Weiter so!"
Das ist euer Glaube, 397 ff.
Eine Leseprobe findet man auf der Seite geistmacht.info
Theo Logisch im Gespräch mit Michael Schmidt-Salomon: "Der Wahnsinn hat Methode!"
Gerd Lüdemann, Die gröbste Fälschung des Neuen Testaments. Der Zweite Thessalonicherbrief. Springe: zu Klampen Verlag 2010, ISBN 978-3-86674-090-7, 96 S., 12,80 Euro.
Über die Theologenschaft hinaus ist der Göttinger Neutestamentler Gerd Lüdemann mittlerweile kein Unbekannter mehr. 1994 hatte er mit einer profunden Studie über die „Auferstehung Jesu“ Schlagzeilen gemacht, in der er die von den meisten seiner Fachkollegen stillschweigend geteilte Überzeugung aussprach, dass Jesus lediglich in der Phantasie seiner Jünger auferstanden sei. Sein lautes Denken versetzte die Theologenschar in Aufregung, die evangelische Amtskirche betrieb daraufhin seine Enthebung vom Lehrstuhl für Neues Testament. Gegen diese strengte Lüdemann eine Verfassungsbeschwerde an, die 2008 vom Bundesverfassungsgericht zwar angenommen, dann aber doch abgelehnt wurde. Seit 1998 hat er den Lehrstuhl für „Geschichte und Literatur des frühen Christentums“ inne, den ihm die Göttinger Hochschule als Ersatz einrichtete. Er darf jedoch keine Prüfungen mehr abnehmen. Zudem leitet er das Archiv der „Religionsgeschichtlichen Schule“ (gegr. 1987), deren historisch-kritischer Arbeitsweise er sich verpflichtet weiß.
Diesen Ansatz verfolgt Lüdemann auch in seiner neuen, kompakten Abhandlung, die sich dem Problem der neutestamentlichen Pseudepigraphie zuwendet. Sich weitgehend dem Konsens der neueren Exegese anschließend, sieht er lediglich sieben der 27 Dokumente des Neuen Testaments als echt an, drei „vielleicht“ als „echt“, die weiteren bewegen sich „zwischen Unechtheit und Anonymität“ (p. 10). Zu den anonymen Schriften zählen die vier Evangelien (verfasst um ca. 70 110 n.u.Z.), die im Wesentlichen das Bild der sog. nachösterlichen Gemeinde vermitteln. Diese haben dem historischen Jesus, der als Wanderradikaler das Reich Gottes zu Lebzeiten erwartete, nachträglich Sprüche in den Mund gelegt und ihm Wundertaten zugeschrieben, um ihn zum mythischen Christus und Kyrios zu erheben.
Ähnlich verhält es sich auch mit den meisten der 21 Brieftexte. Neben den sieben echten Briefen des Apostels Paulus finden sich darunter mehrere gefälschte Schreiben aus späterer Zeit (u.a. sechs Epistel, die als Absender den Namen „Paulus“ tragen und von der kirchlichen Theologie als „Deuteropaulinen“ und „Tritopaulinen“ bezeichnet werden, oder den um ca. 120 entstandenen 2. Petrusbrief, das jüngste Dokument der Bibel). Darin weisen sich Kirchenführer, die keine Skrupel kannten, als namhafte Apostel früherer Tage aus, um mit „autorisierter“ Stimme kirchenpolitische Weichenstellungen vorzunehmen. Dieser Betrug gelangte aufgrund der „Arglosigkeit und Naivität christlicher Leser“ nicht zur Aufdeckung (Marco Frenschkowski, zit. nach Lüdemann, p. 12) (Einführung: p. 9-13).
Der erste Hauptteil (p. 15-50) beginnt mit dem konzisen Hinweis auf die neuere Erforschung der Pseudepigraphie, die in der Antike weit verbreitet war. Sodann weist der humanistische Autor nach, dass in diesem Zeitalter aber auch ein „klares Bewusstsein für geistiges Eigentum“ bestand (so bereits im Vorwort, in: ebd., p. 5) und somit Plagiat wie Pseudepigraphie keineswegs akzeptabel waren. Dazu beleuchtet er das griechisch-römische Schulwesen und lässt Autoren aus jener Zeit zu Wort kommen, besonders den berühmten Arzt Galenos von Pergamon (ca. 130-216) und den Neuplatoniker Jamblichos von Chalkis (ca. 245-320).
Daran anschließend kommt Lüdemann auf die Beurteilung der biblischen Fälschungen seitens der kirchentreuen Theologie zu sprechen („Fälschungen ‚theologisch’ erklärt“, p. 22). Apologetisch gesinnt, suchen deren Vertreter diese Fälschungen zu rechtfertigen: Aus einem „Klima der prophetisch- charismatischen Geistbegabung“ (so Kurt Aland, zit. nach ebd., p. 24) oder aus „ökumenischer Verantwortung“ entstanden, müsse die Pseudepigraphie als „gelungener Versuch der Bewältigung zentraler Probleme der dritten urchristlichen Generation“ angesehen werden (Udo Schnelle, zit. nach ebd., p. 29f.). Und so könne auch eine „gefälschte Schrift“ […] ein „guter und wahrhaftiger Zeuge des Evangeliums“ sein (Andreas Lindemann, zit. nach ebd., p. 25). Ähnlich urteilt auch Ruben Zimmermann, wenn er allen Ernstes meint, dass „die ‚Lüge’ […] gerechtfertigt“ sei, „um den wahren Glauben zu schützen“ (zit. nach ebd., p. 32). Lüdemann bezeichnet solche Ansichten zu Recht als „geistliche Schönfärberei“ (p. 5) auf Kosten der historischen Wahrheit und mancher Leser wird sich über derlei Höhenflüge kirchlich- theologischer Apologetik wohl verwundert die Augen reiben.
Im zweiten Hauptteil (p. 51-85) analysiert der Göttinger Theologe sodann die „gröbste Fälschung im Neuen Testaments“ (p. 51): den 2. Brief an die Thessalonicher (um 100). Der unbekannte Verfasser, der sich als Paulus ausgibt, suchte damit, so Lüdemann, den 1. Brief an diese Gemeinde zu ersetzen, indem er diesen als Fälschung diffamierte (2.Thess. 2,2). Vermutlich um 50 als frühestes Dokument des Neuen Testaments verfasst, stammt letztgenanntes Schreiben tatsächlich von Paulus von Tarsus, dem eigentlichen Gründer des Christentums. Apokalyptisch motiviert, glaubte dieser fest daran, dass noch zu seinen Lebzeiten das Reich Gottes anbrechen und Jesus Christus als Richter der Menschen wiederkommen werde (vgl. bes. 1. Thess., 4,13-5,11: „Wir, die Lebenden, […] [werden] entrückt werden in Wolken dem Herrn entgegen“ [4,17]).
Doch es kam bekanntlich anders. Der „Heidenapostel“ starb; seine Erwartung hatte sich als erträumter Mythos, als Illusion erwiesen. So verlor auch die christliche Glaubensbewegung an Schwung. Es musste ein anderes Bild der Zukunft an die Stelle der Naherwartung treten: Die vielbeschworene Wiederkunft Christi wurde nunmehr besonders vom 2. Thess. in eine unbestimmte, fernere Zukunft verschoben: „Lasst euch nicht gleich erschüttern […], dass der Tag des Herrn da [nahe] sei […]. Denn [er wird nicht kommen], es sei denn, dass zuerst der Abfall gekommen und der Mensch der Gesetzlosigkeit [i.e. der „Antichrist“] offenbart worden ist“ (2. Thess. 2,2f.).
Auf diese Weise wurde ein fundamentaler Irrtum aufgelöst und in die euphemistische Vorstellung von der „Parusieverzögerung“ (gr. Parousia: Gegenwart, Erscheinung) verkleidet womit man abermals Menschen in die Irre führte (p. 88). Mit diesem „Zurechtrücken“ der Gegebenheit war auch der Weg zur Amtskirche vorgezeichnet, die sich in der Welt mehr und mehr einrichtete. Wer an dieser neuen, mit hohem Wahrheitsethos versehenen Weisung zweifelt, so der 2. Thess., gilt als Abtrünniger, wie ja überhaupt alle Menschen, die „dem Evangelium […] nicht gehorchen“ als Strafe „ewiges Verderben“ erfahren werden (1,8f.).
Mit seiner Sichtweise schließt sich Lüdemann der zuvor unter anderem von Andreas Lindemann vertretenen „Ersetzungstheorie“ an. Damit verwandt ist die „Korrigierungstheorie“ (so der Rezensent), die obigen Ausführungen weitgehend nahe steht, vom Autor jedoch leider nicht näher ausgeführt wird (vgl. p. 56).
Mit seinem anregenden Büchlein wirft der Göttinger Neutestamentler aufs Neue die Frage nach der Glaubwürdigkeit der „Heiligen Schrift“ und nach der Wahrhaftigkeit von Kirche und Theologie auf. Beides vermisst er, so dass er mit dem ernüchternden, jedoch zutreffenden Urteil abschließt: Die pseudepigraphischen Autoren „übten sich in der Kunst heiligen Lügens“. Dieser Betrug geschah zwar „in höherer Absicht“; jene Autoren meinten, „Gott durch ihre Lügen zu dienen“ jedoch haben „sie sich nur etwas vorgemacht“ (p. 87f.) (Ergebnis: p. 87f.).
Bleibt schließlich zu hoffen, dass die kirchlichen Theologen, die noch immer von der „Frohen Botschaft“ und der „ewigen Wahrheit des Wortes Gottes“ reden, ihre verstiegene Vorstellung von der „Pseudepigraphie des guten Gewissens“ (Gerd Theißen, zit. nach ebd., p. 87) endlich aufgeben. Damit verbunden ist es freilich auch schon lange an der Zeit einzugestehen, dass der Mythos vom Reich Gottes und der Wiederkunft Christi sich erst am „Sankt- Nimmerleins-Tag“ erfüllen wird
Dr. Werner Raupp (Hohenstein, Schwäbische Alb)
Heinz-Werner Kubitza: Der Jesuswahn
Wie die Christen sich ihren Gott erschufen. Die Entzauberung einer Weltreligion durch die wissenschaftliche Forschung. Marburg: Tectum Verlag 2011, 382 pp., Hardcover, Euro 19,90, SFr 26,00, ISBN 978-3-8288-2435-5 (Infos, Leseproben, Rezensionen und Fragen und Antworten vom Autor unter www.jesuswahn.de)
Die in flüssiger, unverblümter Sprache verfasste Monographie unternimmt den Versuch eines weitgespannten Überblicks über die historischen Grundlagen der christlichen Religion aus humanistischer Sicht. Der plakative Titel klingt an Richard Dawkins’ Bestseller „Gotteswahn“ (2007; engl. „The God Delusion“, 2006) an. Ihr Verfasser, Heinz-Werner Kubitza, ist promovierter Theologe und Inhaber des 1992 gegründeten Tectum Wissenschaftsverlags in Marburg.
Der Überblick beginnt mit dem „peinliche[n] Gott“ des Alten Testaments: Jahwe, einem ehemaligen „Berggott“ der Midianiter im südlichen Palästina, der aller „Schönfärberei der Kirchen zum Trotz“ in weiten Teilen bekanntlich als grausamer „Kriegsgott“ auftritt (p. 15, 37), wenn er etwa den Genozid befiehlt. Barbarisch klingt auch die Erzählung von der Sintflut, wobei er die ganze Menschheit ersäuft (p. 19). Selbst vielen Pfarrern ist dieser Gott heutzutage peinlich; tunlichst verschweigen sie ihn in ihrer Predigt (vgl. S. 30). Im Neuen Testament hat Jahwe sodann einen deutlichen Wandel vollzogen, indem er zuweilen menschenfreundliche Züge annimmt und auch als himmlischer Vater auftreten kann (1. u. 2. Kap.).
Diese Züge finden sich wohl auch bei Jesus von Nazareth, einem jüdisch-asketischen Apokalyptiker und Exorzisten, dessen Denken sich ganz und gar „innerhalb der Grenzen seiner Religion“ bewegte (p. 129). Er erwartete zu Lebzeiten den Anbruch des Reiches Gottes, das ja ausblieb und dies war sein „Kardinalirrtum“ (p. 96). Von einer christlichen Kirche, welche die Juden als Gottesmörder verfemte und schließlich auch verfolgte, wie auch von der christlichen Erlösungslehre und der Weltmission, hat er freilich nichts gewusst. Seine Verkündigung brachte „kaum Neues“ (p. 123); sie wartete wohl mit dem Gebot der Nächstenliebe auf, aber auch mit zahlreichen grauslichen Drohungen: der „ewigen Verdammnis für den Gottlosen“ (vgl. p. 140-150, p. 350-353).
Von den vier Evangelien (entst. um 70 110 u.Z.) wurde Jesus bekanntlich weitgehend übermalt: Sie haben ihm nachträglich Sprüche in den Mund gelegt und ihm Wundertaten zugeschrieben, um ihn zum mythischen Christus und Sohn Gottes zu erheben. An dieser Glorifizierung war freilich der Apostel Paulus, der eigentliche Gründer des Christentums, entscheidend beteiligt, dessen Bedeutung Kubitza mehrfach unterstreicht. Ob der „Heidenapostel“ sich allerdings überhaupt nicht für den irdischen Jesus interessierte, wie der Autor meint (vgl. S. 71f. in Verbindung mit 2. Kor. 5,16), dürfte wohl nicht ganz zutreffend sein (Kap. 3 als Hauptteil).
Von zahlreichen Motiven aus der Umwelt beeinflusst, wuchs diese Vergöttlichung dank der „religiöse[n] Fantasie“ im „Zauberwald der Dogmen“ (p. 177, 233) mehr und mehr an bis hin zum Trinitätsdogma im 4. Jahrhundert (4. Kap.). Das Schlusskapitel wirft schließlich die Frage nach der Aktualität der christlichen Werte auf und gelangt zu einer negativen Antwort: Mit ihrer inhumanen monotheistischen Exklusivität, ihrer Diffamierung der Frau und Abwertung der Ehe wie auch ihrer Vorstellung von der ewigen Höllenstrafe widersprechen sie freilich deutlich unserer auf Toleranz, Gleichheit wie Demokratie gründenden Rechts- und Gesellschaftsordnung (5. Kap.).
Die Abhandlung, die manch unnötige Wiederholungen enthält, bietet keine grundlegend neuen Erkenntnisse. Dennoch hat Kubitza damit ein wertvolles Aufklärungsbuch vorgelegt ein mit humorvollen, metaphorischen Passagen versehenes Werk, das die Ergebnisse der historisch-kritischen Bibel- und Dogmenforschung kompakt zusammenfasst und das Christentum mit seinem schon lange untergegangenen mythischen Weltbild in die Religionsgeschichte einzuordnen sucht. Vielleicht avanciert es sogar zu einem Nachfolger von Rudolf Augsteins Klassiker „Jesus Menschensohn“ von 1972.
Und so ist auch sein mit deutlichen Worten formuliertes Resümee überaus ernüchternd, jedoch durchaus zutreffend: Die christliche Kirche, die sich selbst erschuf, beruhe letztlich auf einer Täuschung (und nicht auf einem Wahn, wie eben der Titel vorgibt): auf einem „Selbstbetrug“ resp. auf einem „weltgeschichtlichen Irrtum“ (p. 210, 304); ihr Fundament, die Bibel, sei „das am meisten überschätzte Buch der Weltliteratur“ (p. 9); ebenso sei der galiläische Bekehrungsprediger die wohl „am meisten überschätzte Figur der Weltgeschichte“ (p. 217); den Jesus indes, an den die Christen glauben, habe es „so nicht gegeben“, er sei eine „Kunstfigur, zurechtgeschnitzt von einer Vielzahl gläubiger Handwerker“ (p. 304, 211). Und somit sei auch freilich die christliche Religion wie alles in unserer Welt dem „natürlichen Fluss von Werden und Vergehen unterworfen“ (p. 357).
Zutreffend ist schließlich Kubitzas Kritik an den kirchentreuen Theologen. Bestrebt, den christlichen Mythos irgendwie zu retten, würfen sie oft nur „Nebelkerzen“ (p. 123) und seien überhaupt, ähnlich wie die Politiker, opportunistisch gesinnt (wenn sie etwa die Peinlichkeiten der Bibel verschwiegen und zu Unrecht aufklärerische Werte, wie Menschenwürde und Toleranz (vgl. 353-357), auf die kirchlichen Fahnen schrieben). Und so richtet sich das Buch nicht nur an den interessierten Laien, sondern auch an die Theologen. Diese haben zwar durch ihre Forschungen die Anfänge des Christentums erhellt und damit auch einen beachtlichen, aufklärerischen Beitrag zum Abbau der Glaubwürdigkeit der Bibel geleistet, jedoch knicken sie noch immer vor der Kirche und deren antik-mythischen Dogmen ein.
Dr. Werner Raupp (Hohenstein, Schwäbische Alb)
Werner Raupp, Denis Diderot. Weiß man je, wohin man geht?,
Ein Lesebuch, DIDEROT-Verlag 2008, ISBN-10: 3936088950, ISBN-13: 978-3936088953, 480 S., 27,90 €
[auch beim Hrsg. zu beziehen für 18 € - dr.werner-raupp@gmx.de]
Der noch recht junge Diderot-Verlag Gründung 2002 legt mit dem Lesebuch zum Namensgeber unter dem Untertitel „Weiß man je, wohin man geht?“ eine interessante Mischung von sekundären und primären Quellen vor. Der Schwerpunkt liegt freilich auf letzteren, denn es handelt sich wesentlich um eine Anthologie, die einen Eindruck von Diderots Leben und Schaffen vermitteln soll. Und dies gelingt dem Buch.
Nach Geleitwort und Einführung in Diderots Vita folgen zunächst Texte von Autoren des 18. Jhds., die biographische Stationen Diderots beleuchten von einer Schilderung in Rousseaus „Bekenntnissen“ über eine Aktennotiz der Polizei anlässlich von Diderots Verhaftung bis zu einer Schilderung seiner letzten Lebenszeit. Sodann erhält der Leser Einblick in die ‘Enzyklopädie’, also jenes Projekt, durch das uns Diderot wohl am stärksten im Gedächtnis geblieben ist. Dass diese Unternehmung keineswegs einen reibungslosen Verlauf nahm, ist den Quellen leicht zu entnehmen: Die Korrespondenz, die um die Enzyklopädie geführt wurde, belegt die regen Streitigkeiten der Herausgeber untereinander und u.a. mit ihrem Drucker.
Das dritte Kapitel unter der Überschrift ‘Die Kunst’ führt dem Leser Diderots Ansichten und Theorien über Musik, Theater, bildende Kunst vor, im Anschluss lesen wir im vierten Kapitel von seinen Gedanken zur Literatur und seinen eigenen (sehr gelungenen!) Gehversuchen in diesem Metier. Die Universalität von Diderots Bemühen und Streben ist bemerkenswert kein Bereich von Wissenschaft und Denken, Kunst und Kultur war vor ihm sicher.
Wir lernen Diderot, den Exzentriker kennen, Diderot, den Systematiker, den Verfolgten, den politischen Denker, der mit seiner Philosophie der Aufklärung wirksam werden wollte. Kurz: Wir nähern uns dem Menschen Diderot, insbesondere auch in den letzten Kapiteln, die Briefe und Urteile von Zeitgenossen und der Nachwelt versammeln.
Das Lesebuch kommt zur rechten Zeit, denn selten war Diderots Großprojekt, die Enzyklopädie (als Demokratisierungsinstrument des Wissens), erfolgreicher als heute. Die weltweite Vernetzung und der Gedanke des offenen Zugriffs lesend und schreibend auf Information und Wissen kann mit der Wikipedia eine demokratisierende Wiederholung dessen sein, was Diderot vor zweieinhalb Jahrhunderten begann. Das vorliegende Buch führt auf beeindruckende Weise in dieses Feld seiner Arbeit ein und in andere.
Dennis Schmolk (Nürnberg)Heiner Feldhoff, Nietzsches Freund. Die Lebensgeschichte des Paul Deussen, Böhlau Verlag, Köln Weimar Wien 2008, 281 S., 34,90 EUR
In vielerlei Hinsicht informativ ist die Lebensbeschreibung des Nietzsche-Freundes Paul Deussen (1845-1919), der sich im deutschen Kaiserreich nicht nur bleibende Verdienste um die Übersetzung und das Verständnis der indischen Religion und Philosophie in Deutschland, sondern auch einen hervorragenden Ruf erworben hat, so dass das Buch auf den Haupttitel „Nietzsches Freund“ eigentlich hätte verzichten können aber da wird es wohl um (sicherlich legitime) Verlags- und Absatzinteressen gegangen sein ... Letzterer ist dem Buch allerdings durchaus zu wünschen, denn es ist flott und gut lesbar geschrieben und begleitet den Sanskrit-Gelehrten von der Wiege in Oberdreis/ Westerwald über die einzelnen Lebensstationen: Studium in Bonn, Erzieher in Genf und Aachen, Gelehrter in Berlin (wo er seine Frau, aber auch Lou Andreas-Salomé kennenlernt) und Kiel, sowie auf seinen vielen Reisen sowohl im europäischen Raum wie auch nach Indien, wo sich später seine Tochter mit Mahatma Gandhi über ihren Vater unterhielt, der in Deutschland auf Grund seines Bekanntheitsgrades als Autorangabe auf seine diversen Veröffentlichungen nur „DEUSSEN“ zu schreiben brauchte. Natürlich kommt auch die Beziehung zu Nietzsche nicht zu kurz, dies macht ja allein schon der Titel des Buches erforderlich und hat insoweit seine Berechtigung, als sich Deussen zeitlebens dankbar an die geistige Befruchtung durch Nietzsche in Schulpforta und Bonn erinnerte. So verdankte er ihm auch die Bekanntschaft mit Schopenhauer, der für Deussen lebenslang der maßgebliche Philosoph (wenn auch in gewisser eigenwilliger Umdeutung) geblieben ist. Gerade die Umkehrung der Perspektive von Deussen auf Nietzsche macht einen Teil des Reizes dieser Biographie aus, wenn etwa der arrivierte ordentliche Professor mit seiner Frau Nietzsche in Sils Maria besucht und ihn dort, im Klartext geredet, äußerlich verwahrlost und gesundheitlich heruntergekommen vorfindet. Anders als Nietzsche ist es Deussen gelungen, dem Pfarrhaus zu entkommen und ins großbürgerliche Milieu aufzusteigen sein Wesen war eben im Leben wie in seinem Denken auf Vermittlung angelegt im Gegensatz zum dem genialischen Nietzsche, der im Jahr 1888 die Zeit spalten wollte. Insgesamt: ein sehr empfehlenswertes Buch sowohl im Hinblick auf Nietzsche wie auch hinsichtlich der Karriere eines Gelehrten im wilhelminischen Deutschland.
Helmut Walther A&K 1/2009, S. 252-253
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Seine Deussen-Biographie (Nietzsches Freund. Die Lebensgeschichte des Paul Deussen, Rezension in A&K 1/2009, S. 252) rundet der Autor mit diesen Nachträgen aus Oberdreis, seinem Wohnort und dem Geburtsort Deussens, ab. Deussen ist der Nachwelt in dreifacher Hinsicht in Erinnerung, als Freund Nietzsches, als Indologe und Übersetzer vedischer Schriften sowie als Gründer der Schopenhauer-Gesellschaft (meist in dieser Reihenfolge). In aphoristischer Form verbindet Feldhoff Erlebnisse, Zitate und Erkenntnisse dieser drei Denker des 19. Jahrhunderts miteinander auch Nietzsche ging bekanntlich zunächst von Schopenhauer aus, Deussen begeisterte er für diesen und spiegelt sie an eigenen Erfahrungen, eingebettet in Örtliches aus Oberdreis und die Natur des Westerwalds. Seinen Haupthelden („im Grunde konservativ“, „mit ganz irdischem Ehrgeiz“, „niemals mehrdeutig“), dessen „liebstes Kind“ jedenfalls nach dem Zeugnis der die Selbstbiographie herausgebenden Tochter die Schopenhauer-Gesellschaft gewesen sei, kontrastiert er immer wieder mit dem bekannteren und bedeutenderen Freund Nietzsches Feier des 20. Geburtstags fand am 15.10.1864 in Oberdreis statt nach beider Abitur in Schulpforta und vor der Studienaufnahme in Bonn, diesem zweiwöchigen Zusammensein ist das letzte Kapitel des Buches gewidmet. Ein anderes Kapitel widmet sich den vedischen Studien und indischen Reisen Deussens mit der hübschen Aufforderung „Wenn ihr nicht werdet wie die Inder!“
„Wenn Sie glauben, Sie haben sich verirrt, sind Sie da“, heißt es andernorts vexierhaft, dicht gefolgt von der Mitteilung, dass Deussen in Görlitz auf Grund einer kleinen Veröffentlichung zu Jakob Böhme zum Ehrenmeister der Schusterinnung ernannt wurde und diese Ehrung auch gerne annahm. Ein „Fischen in Drüben“, wie der Autor Ernst Bloch zitiert, kam dennoch auch für Deussen nicht in Betracht, der wohlsituiert auf fester Erde stand und die Depressionen seiner Gattin überließ, mit der er einst den ärmlich und chaotisch hausenden Nietzsche in Sils besuchte.
Insgesamt gelingt dem Autor dank „Deussen, mein langjähriger Arbeitgeber“ so ein reizvolles Ineinandersplittern und -reflektieren von Denk-Würdigkeiten, die er an eigenem Erleben in unserer modernen Erfahrungswelt spiegelt und so in anregender Weise ebenso unterhält wie das Mitdenken des Lesers in Bewegung setzt.
Helmut Walther in A&K 4/2011, S. 291-292
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